Magdalenas und Jürgens kleine Imkerei

Protein aus Drohnenpuppen

Ein Aufsatz von Magdalena Ulmer: Die nachhaltige Verwertung der Drohnenbrut als alternative Proteinquelle und als Wegbereiter-Insekt für den Insektenkonsum in Deutschland.

Ein erntereifer Drohnenrahmen
Ein erntereifer Drohnenrahmen

Hintergrund: Varroa-Milbe

Die Varroamilbe (Varroa destructor) ist der bedeutsamste Parasit der Honigbienen weltweit.

Sie entwickelt und vermehrt sich in der verdeckelten Brut. Varroamilben bevorzugen Drohnenbrut und können sich darin viel stärker vermehren als in der Brut von Arbeiterinnen. Die Entwicklung erfolgt exponentiell, d. h. wenige Milben am Anfang des Jahres können im Jahresverlauf ein Bienenvolk derart schädigen, sodass dieses kollabiert. Die verbleibenden flugfähigen Bienen verlassen den Stock und finden bei benachbarten Völkern Unterschlupf. So ist eine „Varroa-Schleuder“ entstanden.

Verschiedene Stadien von Drohnenpuppen
Verschiedene Stadien von Drohnenpuppen

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Entnahme von Drohnenbrut

Einen Teil der Milben kann man aus dem Bienenvolk entnehmen, indem man zwischen April und Juni drei bis fünf Waben mit verdeckelten Drohnenpuppen aus dem Volk nimmt. Diese Entnahme dämpft den Anstieg der Varroa-Population, denn schon wenige entfernte Milben können den Zusammenbruch im Herbst verhindern. Dies ist das Ziel, denn nach der letzten Honigernte kann im Spätsommer/Herbst der Varroadruck mit organischen Säuren effektiv reduziert werden.

Als bio-mechanische Maßnahme ist die Drohnenbrutentnahme Teil des Bekämpfungskonzepts Baden-Württemberg [PDF].

Zanderwabe mit verdeckelter Drohnenbrut
Zanderwabe mit verdeckelter Drohnenbrut

Die meisten Imker schmelzen die entnommenen Drohnenwaben ein, um wenigstens das äußerst wertvolle, native Wachs zu erhalten. Das Wachs für die Drohnenwaben wird nach dem Schnitt jedes Mal erneut komplett von den Bienen produziert. Die Drohnenpuppen werden zusammen mit dem Wabentrester entsorgt.

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Zu schade zum Wegwerfen!

Getreu dem schwäbischen Motto „Bloß nichts verkommen lassen!“ betrachten wir die Entsorgung der Drohnenpuppen als Verschwendung.

Denn

  1. die Bienenvölker stecken sehr viel Energie in die Aufzucht von Drohnen,
  2. Drohnenpuppen schmecken lecker und enthalten wertvolle Nährstoffe, die verwertet werden können: ca. 10 % des Gesamtgewichts sind Eiweiß,
  3. Drohnenpuppen enthalten alle essentiellen Aminosäuren.

Extrahierte Drohnenpuppen
Extrahierte Drohnenpuppen

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Alternative Nutzungsmöglichkeit für entnommene Drohnenbrut

Der Bedarf an hochwertigem Protein steigt mit stetig zunehmender Weltbevölkerung auf Kosten unserer Ökosysteme. Gleichzeitig gibt es weltweit ca. 2 Milliarden Menschen, die traditionell Insekten konsumieren. Jedoch streben viele davon das westliche Lebensmodell mit hohem Fleischkonsum aus Rind, Schwein oder Geflügel an. Die Lösung für diese Probleme könnte eine gesteigerte Attraktivität von Insektenkonsum, insbesondere in den westlichen Ländern, sein. Eine Möglichkeit dafür ist die Verwertung von Drohnenbrut. Die Honigbiene könnte also quasi als „Wegbereiter“ für den Konsum von Insekten im Westen dienen.

Dabei geht es nicht darum, dass der Westen zusätzliche Proteinquellen benötigt. Vielmehr sollten wir ein gutes Vorbild für Länder sein, die eine gewachsene Tradition des Insektenkonsums haben, aber dem westlichen Konsummuster mit großen Fleischmengen v. a. von Rind und Schwein nacheifern. Sobald auch wir Insekten als Nahrungsmittel wertschätzen, würde dies eine große Signalwirkung haben und somit automatisch die Umwelt entlasten.

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Stand der Forschung

Im Rahmen meiner Masterarbeit habe ich verschiedene Produktoptionen aus Drohnenpuppen getestet, die gleichzeitig geringe Auswirkungen auf die Umwelt haben und von deutschen Probanden akzeptiert werden. Ich erprobte eine Möglichkeit, die Puppen aus dem Wachs zu lösen. Meine Umfrage unter 410 Testpersonen ergab, dass sich Insekten am besten als Bestandteil von Lebensmittelprodukten vermarkten lassen, wenn sie nicht mehr als Insekten erkennbar sind. Gleichzeitig ist wichtig, dass die Produkte haltbar und gut lagerbar sind. Die Herstellungsprozesse müssen kostengünstig und auf ein Minimum reduziert sein. Extrusion ist eine etablierte Technologie in der Lebensmittelindustrie, bei der verschiedene Schritte wie Mixen, Kneten, Erhitzen und Formen kombiniert werden. Viele Lebensmittel werden auf diese Weise produziert, wie z. B. Früh­stücks­flocken. Die Nährstoffe bleiben bei diesem Verfahren weitestgehend erhalten und die Verdaulichkeit wird erhöht.

Drohnensnack
Drohnensnack

Die besten Ergebnisse konnten durch Trockenextrusion für nussig schmeckende Snacks mit einem Anteil von 20 % Drohnenpuppen erzielt werden. Bei einem Anteil von 30 % Drohnen wird die Textur insgesamt kompakter. Diese Drohnenflocken bieten sich hervorragend für die Weiterverarbeitung zu Hamburger-Bratlingen an. Dadurch, dass der Wassergehalt der Flocken fast vollständig reduziert wurde, ist keine Kühlung notwendig. Die Lagerung wird dadurch erleichtert. Eine weitere Möglichkeit ist die Herstellung von Drohnenmüsliriegeln.

Drohnenmüsliriegel
Drohnen-Müsliriegel

Alle Produkte zeichnen sich durch den Vorteil von deutlich geringeren Umweltauswirkungen als Fleisch aus. Dazu wurde Anfang 2020 ein Paper mit Teilen der Ergebnisse meiner Masterarbeit veröffentlicht:

Ulmer, M., Smetana, S., & Heinz, V. (2020). Utilizing honeybee drone brood as a protein source for food products: Life cycle assessment of apiculture in Germany. Resources, Conservation and Recycling, 154, 104576.

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Drohnenpuppen als neuartiges Lebensmittel in der EU

Bisher können drohnenhaltige Produkte, wie sie oben aufgeführt sind, in der EU jedoch noch nicht vermarktet werden. Zunächst bedarf es einer Zulassung nach der EU Novel-Food-Verordnung, um die Unbedenklichkeit der Erzeugnisse zu gewährleisten. Ein entsprechender Antrag [PDF] wurde durch den finnischen Imkerbund bereits 2019 gestellt. Die vorhandenen Prototypen sind eine gute Grundlage, um die Produkte weiterzuentwickeln (z. B. durch die Zugabe von Gewürzen). Zielgruppe dafür könnten neugierige, sportliche u. gesundheitsbewusste Menschen sein, die für neue Erfahrungen offen sind und auf umweltfreundliche Produkte Wert legen.

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Vorteile der Drohnenbrutverwertung

Wenn wir zukünftig Drohnenbrut verwerten können ergeben sich unmittelbar folgende Vorteile:

  • Die Nutzung wertvoller Inhaltsstoffe.
  • Das Entstehen neuer, leckerer Lebensmittelprodukte und damit ein Ausbau der Vielfalt.
  • Die Vermeidung von Aufwand und Müll durch das Einschmelzen und Entsorgen der Drohnenbrut,
  • damit auch eine Reduzierung der Umweltauswirkungen durch die Honigproduktion.
  • Ein Zusatzeinkommen für Imkereien, die ja bereits kontrollierte Lebensmittelbetriebe sind.
  • Die Bewusstseinsbildung für ökologische Zusammenhänge und nachhaltige Produktionsweisen.
  • Ein Signal für traditionell insektenkonsumierende Menschen, dass Insekten ein guter Weg sind, sich mit wertvollen Proteinen zu versorgen.
  • Mögliche Vorreiterschaft Deutschlands beim neuen Thema Insekten als Lebensmittel, das zunehmend an Bedeutung gewinnt.

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Unser Ziel

Nach erfolgter EU-Zulassung sollen die Möglichkeiten der Drohnenbrutverwertung sowohl bei Imkern als auch in der Bevölkerung und in Fachkreisen publik und schmackhaft gemacht werden. Dabei steht vor allen Dingen die Vermehrung von frei zugänglichem Wissen (open source) für eine nachhaltige Nutzung der Drohnenpuppen im Vordergrund.

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Pressemeldungen

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